Johann Peters - Pionier der beruflichen Bildung in Deutschland

Ein Stück deutscher Sozialgeschichte - Mit Kriegsversehrten begann die Qualifizierung Behinderter durch Johann Peters.

> Arbeitslosigkeit tut weh

> Die Geschichte beginnt

> Das wäre eigentlich das Aus

> Im Wirtschaftswunderland

> Das BFZ Peters

> Die Aufgabe ist nicht zu Ende

Arbeitslosigkeit tut weh
und wer nach Unfall oder Krankheit seine bisherige Arbeit nicht mehr leisten kann, weil er körperlich behindert ist, der ist doppelt betroffen. Trotzdem einen anderen Beruf so zu erlernen, dass man mit Gesunden auf den Arbeitsmarkt konkurrieren kann, war nach dem Krieg nicht selbstverständlich.

Damals gab man den vielen Kriegsversehrten kaum noch eine Chance.

Dem angeblichen Schicksal
wollte sich 1946 ein Verwundeter des Lazaretts Mühldorf nicht ergeben. Als Geschäftsführer der örtlichen VdK-Kreisgruppe reparierte Johann Peters zusammen mit anderen Kriegsversehrten Geräte, baute Apparate und schulte einige Kameraden auf Metallberufe um. Damit schrieb er ein Stück deutscher Sozialgeschichte. Diese Selbsthilfegruppe wurde zum Vorbild für die heutigen Maßnahmen zur Teilnahme am Arbeitsleben körperlich Behinderter in der Bundesrepublik. Gegen die damals vorherrschende Meinung in Wirtschaft und Medizin bewies Johann Peters bereits 1958, dass auch Querschnittsgelähmte (an eigenes entwickelten Maschinen) wieder qualifiziert werden können.


Die Geschichte beginnt
mit den deprimierenden Zuständen nach dem völligen Zusammenbruch: Besonders Bayern ist voller Flüchtlinge, die nicht mehr nach Hause können; in den Lazaretten um Mühldorf am Inn sammeln sich Schwerbehinderte – Einarmige, Beinamputierte. Es gibt keine Behörde, die Renten zahlt oder sich um Wohnung und Beschäftigung der Kriegsversehrten kümmert. Die schlechten Aussichten zermürben die Seele. Denn die Arbeitlsosigkeit ist nach dem Krieg so groß, dass selbst Gesunde keinen Halt finden.

Strukturen entstehen
weil Einzelne tatkräftig zulangen. Der selber kriegsbeschädigte Ingenieur Johann Peters aus dem Rheinland organisiert eine Werkstatt, in der die Kriegsversehrten Radio- und Elektrogeräte reparieren – in einer Baracke aus demontierten Eisenbahnschwellen und einem bis zum Erdgeschoss ausgebombten Haus in Mühldorf.

Peters hat sich schon früh gute Kontakte geschaffen. Als eine Art ››Wohnungskommissar‹‹ hat ihn der Bürgermeister von Erharting damit betraut, durch Gespräche mit der Bevölkerung 220 Flüchtlinge unterzubringen.

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So bekommt er Wind
von einem Auftrag der Münchner Firma Deckel, die für Fotoapparat-Verschlüsse einen Zulieferer sucht. Im festen Glauben, dass auch Schwerbehinderte wieder vollwertig arbeiten können, wenn sie nur richtig rehabilitiert und eingesetzt werden, baut er den kleinen Reparaturbetrieb aus. Obwohl es an allem fehlt, findet er immer wieder neue Quellen für Material und Ersatzteile. In dieser Zeit des chronischen Hungers gibt es für Betriebsangehörige zusätzliche Lebensmittelmarken – als Exportbonus. Auf 240 Quadratmetern arbeiten schließlich 40 Behinderte für die Firma – bis nach der Währungsreform die Patente bei Deckel gekündigt wurden und die Aufträge wegbrechen.

Das wäre eigentlich das Aus
doch die Arbeit der Kriegsversehrten hat Eindruck hinterlassen – auch bei der Regierung von Oberbayern. Immerhin 18 Personen haben in der Werkstatt einen neuen Beruf erlernt und erfolgreich ihre Prüfung vor der Industrie und Handelskammer abgelegt.

So schlägt die Regierung vor, den Betrieb für Umschulungen Behinderter aufrecht zu erhalten – für einen Tagesatz von heute umgerechnet 1,80 Euro. Der erste Mechanikerlehrgang beginnt mit einer Drehmaschine, einem Schraubstock und eine Satz Werkzeug. Jeder Umschüler bekam damals gerade mal zehn Minuten Zeit zum Üben, während die anderen Theorie lernen.

1954 zieht der expandierte Betrieb in das von Flüchtlingen erbaute Waldkraiburg um.

Zu den Kriegsversehrten
kommen schon bald die Unfall- und Krankheitsgeschädigten.

Deshalb wagt sich Johann Peters 1958 daran, Querschnittsgelähmte beruflich zu rehabilitieren – anfangs belächelt von Ärzten und Versicherungsträger. Derartige Verletzte scheinen keine regelmäßige Tätigkeit mehr ausüben zu können, sehen sich für immer der Hilfe anderer ausgeliefert. Bis dahin sterben Querschnittsgelähmte früh, etwa an Nierenversagen. Sie sollten nun eine gute Perspektive erhalten. Deshalb sucht Peters Kontakt mit Sir Guttmann, Direktor des Stoke Mandeville Hospital in England, einem jüdischen deutschen Arzt, der nach England emigriert ist. Er hat nach dem Krieg eine Methode entwickelt, Querschnittsgelähmte zu behandeln.

Mit dieser Methode
und gezielten Schwerbeschädigten- Sport überwindet Peters das Misstrauen. Im BFZ Peters erhalten auch Querschnittsgelähmte eine neue Ausbildung und das Selbstwertgefühl, wieder wie früher der Ernährer der Familie zu sein. Fotos aus dieser Zeit zeigen Querschnittsgelähmte in Rollstühlen, die Maschinen bedienen.

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Im Wirtschaftswunderland
Deutschland werden nach 1960 die Arbeitskräfte knapp. Firmen wie Siemens bitten in Briefen um ausgelernte Umschüler, loben die Leistungsfähigkeit der bisher Übernommenen, und danken dafür, das Peters die Arbeitshilfen und Maschinen entwickelt hat, die es erst ermöglichen, Versehrte in die eigenen Werkstätten aufzunehmen. Wenn es eine Antwort gibt auf die Opfer des zivilisatorischen Fortschritts, dann in Waldkraiburg, wo der Fortschritt mit Händen zu greifen ist: als versenkbare Fräsmaschinen, als Drehmaschinen zum Schwenken oder als Einstieghilfen in ein Auto.

Johann Peters
wurde zum Vorbild für die berufliche Qualifizierung behinderter Erwachsener, ein Gesprächspartner und Ratgeber namhafter Institutionen und Persönlichkeiten:

Die Uni-Nervenklinik Köln-Lindenthal holt sich 1959 Rat über Querschnittsgelähmte.

Hohe Beamte der Montanunion gratulieren 1960 zu den Leistungen der beruflichen Rehabilitation Behinderter, zum vorbildlichen psychologischen Klima, zu sein humanen Werk;

Der Präsident der internationalen Schwerbeschädigtenvereinigung dankt Johann Peters für sein Engagement; 1960 besichtigt Heinrich Lübke das BFZ Peters, und Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg erklärt Peters 1996 anlässlich des 50. Firmenjubiläums zum ››Vorbild im Sozialen Deutschland ‹‹.

Das BFZ Peters
ist eines von 33 Berufsförderungswerken in Deutschland und immer ohne öffentliches Fördergeld ausgekommen.

Peters musste das große Risiko seiner hohen Investition selber tragen, konnte dafür aber als privater Unternehmer immer schnell und unbürokratisch auf Brachenentwicklungen reagieren.

Schon in den 60er Jahren bildete er Elektroniker aus und 1978 Datenverarbeitungskaufleute, als die Gesellschaft noch vom „Jobkiller Computer“ sprach.

In den vergangenen Jahren hat das BFZ Peters regelmäßig technologische Anpassungen vorgenommen und das Ausbildungsangebot den aktuellen Anforderungen der Wirtschaft in der Informationsgesellschaft angeglichen.

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Bis heute
haben rund 32.000 Umschüler im BFZ Peters einen neuen Beruf erlernt. Etwa 1000 sind derzeit im Haus, betreut von ca. 220 Mitarbeitern – von Betriebswirten, Technikern, Meistern und Köche bis hin zu Masseuren.

Erfolgreich sind die Maßnahmen zur Teilhabe am Arbeitsleben nicht nur durch die angenehme Unterkunft, sondern auch durch die Arbeit der Reha-Fachdienste, z.B.: die tägliche Betreuung der Teilnehmer durch den Medizinischen Dienst, u.a. mit physiotherapeutischen Anwendungen in einer großzügig eingerichteten Bäderabteilung; bei ausbildungsbezogenen und persönlichen Problemen steht den Teilnehmern der Psychologische Dienst zur Seite; der Sozialdienst berät in psychosozialen, rechtlichen und finanziellen Fragen. In den Sport- und Freizeitanlagen (Hallenbad, Sauna, Kegelbahn,....) betreuen Sportlehrer die Teilnehmer.

Das Miteinander ist der Grund für die gute Atmosphäre im Haus, die von vielen Besuchern des BFZ Peters immer wieder betont wird.

Die Aufgabe ist nicht zu Ende.
Die Gesellschaft lebt von den Ideen und dem Engagement Einzelner, die sich selbst und andere aus der Not ziehen. Der Staat hat es Johann Peters mit Ehren gedankt:

Im Jahr 2008 erhält seine Tochter Inge Effenberger-Peters, die von 1994-2007 in der Geschäftsführung des BFZ Peters das Werk ihres Vaters weiter vorangebracht hat, ebenfalls das Bundesverdienstkreuz am Band

In den Laudatien häufen sich Wörter wie innovativ, willensstark, verantwortungsbewusst, Tatkraft, Zuversicht, Pioniergeist, permanentes Wirken, familiäres Klima, Initiative. 

Johann Peters
hatte sich zu Beginn der 90er Jahre aus gesundheitlichen Gründen aus der Chefetage allmählich zurückgezogen. Am 20. April 2002 verstarb Johann Peters nach langem Leiden.

Zum Andenken an die Firmengründer wurde 2003 die Johann Peters gemeinnützige Stiftungsgesellschaft mbH ins Leben gerufen. Sie ist Träger des Kindergartenzentrums Kitz – ein Kindergarten mit Kinderkrippe – und Veranstalter der J. P. Olympics.

Dieses Integrations-Sportfest fand erstmalig 2003 im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen unter der Schirmherrschaft von Staatsministerin Christa Stewens in Waldkraiburg statt.

Die berufliche Eingliederung der Behinderten ist kein abgeschlossenes Thema, sagt Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, beim Festakt zum 50-jährigen Firmenjubiläum 1996, sondern bleibt eine riesige Herausforderung.

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©Peters Bildungsgruppe 2010